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Fortsetzung Schiffsübernahme und Überführung von Kroatien nach Rügen

02.03.2002, Manfredonia

Der Wind lässt uns keine andere Chance, wir müssen direkten Westkurs auf  Italien nehmen. Eigentlich war Südost oder genau Süd eingeplant, aber wie bekannt kommt der Wind beim Segeln ja immer von vorn.  Der anliegende Kurs so hoch am Wind schlauchte mächtig, aber wir hatten keine Alternative. Nach gut achtzig Meilen tauchte am nächsten Tag die italienische Küste vor uns im Morgendunst auf. Hier in der Nähe des hohen Landes drehte auch der Wind mehr auf West so das wir unseren Generalkurs aufnehmen konnte, entlang der Küste nach SSO. Dieser Kurs brachte uns nun leider immer weiter von zu Hause weg, noch waren wir  unserem eigentliche Ziel nicht eine Meile näher gekommen und dies würde sich auch bis zum italienischen Stiefel nicht ändern, dann erst wendete sich unser Kurs in westliche Richtung.

03.03.2002

Nach der ersten, wahrlich besch…., Nacht auf See war es nun an der Zeit für ein zünftiges Frühstück, welches uns mit Italien im Blick auch besonders schmeckte. Lange dauerte die Idylle aber nicht, gegen 9 Uhr bekamen wir einige heftige Böen und danach war dann die große Ruhe angesagt. Also Motor an! Ich hatte mir ja eigentlich vorgenommen sowenig wie möglich zu motoren, aber anders gesehen wollten wir hier ja auch keine Wurzeln schlagen. Weit voraus sah man schon die Insel Treniti welche  sich so etwa auf Höhe der „Kniescheibe“ befindet. Diese, die Kniescheibe, ist eine riesige Halbinsel, die sich uns  in den Weg stellte, mittlerweile betrug unser Kurs 120°. Nachmittags, ca. 15 Uhr, befanden wir uns auf Höhe Kap Vieste. Der Wetterbericht meldete nichts Gutes. Starke südliche Winde. Um nicht die ganze Nacht aufkreuzen zu müssen entschlossen wir uns schweren Herzens nach Manfredonia einzulaufen.

Die letzten zwanzig Meilen zogen sich noch ganz schön lange hin und es wurde  auch recht schnell dunkel, aber das nächtliche Einlaufen in irgendwelche Häfen sollte uns noch zur Routine werden.  Vor der Einfahrt gab es noch eine Überraschung, es gab hier östlich vom Hafen eine fürchterlich lange Ladebrücke die war sehr hell beleuchtet und verdeckte die wichtigen Lichter der Hafeneinfahrt. Davon ließen wir uns jedoch wenig beeindrucken, etwas seewärts abgelaufen und schon sah man alles wie im Lehrbuch offen vor sich liegen. Es waren noch gut zwei Meilen bis zum Molenkopf, nach wenigen Minuten  gingen wir unter Segeln um den Leuchtturm. Ein kurzer Aufschiesser, die Lappen runter und rein in den Hafen. Inzwischen war es 21-15 Uhr. Der Hafen selbst war erst einmal  ein Enttäuschung, für Yachten gar nicht geeignet. Eine halbe Stunde sind wir hin und her gefahren bis wir uns dann entschlossen an der Mole anzulegen. So einen schmutzigen Hafen habe ich noch nicht gesehen! Sehr viel Fischer, kleine Frachter und Tanker und so sah das Wasser auch aus.

Am nächsten Morgen mussten wir verholen, denn wir brauchten unbedingt Trinkwasser, in die Stadt wollten wir ja auch und von unserem Liegeplatz wäre es wohl ein Tagesmarsch.

04.03.2002 Manfredonia

Wasser nehmen, ein Kabel für das CD-Radio besorgen, Obst kaufen usw.
Vormittag, wir legen ab um uns einen anderen Liegeplatz zu suchen. Zunächst geht es quer durch den Hafen. Auf der anderen Seite haben wir Masten gesehen, dort scheint eine Marina zu sein. Langsam schleichen wir durch das Wasser, überall liegen Fischer an Moorings, ein kleine Werft für Kutter, an Backbord die Liegeplätze der Frachter, Backbord voraus eine Tankstelle und dahinter die Yachten. Als wir die Tankstelle passiert haben gibt das Echolot Alarm, es wird flacher, nach wenigen Metern gebe ich auf, nichts riskieren. Also legen wir erst einmal bei der Tankstelle an, hier hat auch der Hafenmeister sein Büro. Natürlich ist er nicht da, also erst wieder warten. Um hier nicht nutzlos herum zu liegen bzw. zu stehen gehen wir also in die Stadt um einige erste Eindrücke zu sammeln und ein paar Einkäufe zu erledigen. Auf dem Weg trafen wir den Hafenmeister der Marina, der gute Mann sprach natürlich kein Wort Englisch und mit vielen Gesten machten wir ihm verständlich dass wir Wasser Bunkern wollten. Er fragte nach dem Tiefgang und meinte dann dass es ab 17 Uhr klappen könnte. Ich war etwas unruhig wegen dem Liegeplatz, es war der Stammplatz einiger Fischer und so dauerte unser Landgang nicht lange. Als wir zurück kamen war der Hafenchef auch da und so konnte ich die offiziellen Dinge erledigen. Er hatte einen kleinen Hund und den machte er völlig verrückt in dem er immer rief „Wo ist der Delphin? Wo ist der Delphin?“ Worauf der Kläffer wie verrückt umher rannte und wie irre bellte.

Etwas später raste er, der Hafenmeister, in seinem Dienstwagen mit mir durch die Stadt um das verdammte Kabel für den CD Player zu kaufen. Natürlich umsonst, kein Geschäft und keine Werkstatt war geöffnet. Aber eine Verlängerung für die GPS Antenne nahm ich mit, umsonst wie sich später herausstellte. Diese Fahrt war der absolute Horrortripp. Über den Fahrstil der Italiener hat man ja schon oft gelacht, aber dies übertraf doch die kühnsten Vorstellungen. Hupen, immerzu; schimpfen, auch wenn es gar keinen Grund gibt; bremsen und Gas geben um zehn Meter in der Schlange vor zu rücken. Im engsten Stau, vor den Ampeln oder einfach so quetschte sich rechts immer noch ein Moped durch. Ich war froh als ich heil und gesund wieder im Hafen war. Zur vereinbarten Zeit legten wir ab und schlichen langsam, mit den Augen und Ohren immer am Echolot, zum Wasserhahn. Die Bunkerei dauerte eine ganze Weile. Plötzlich machte uns der Mariniero auf einen Delphin aufmerksam, der zwischen den, an Moorings liegenden Booten stand und uns beobachtete. Er stand ganz still, nur der Kopf schaute heraus und sah uns mit großen glänzenden Augen an. Sein Luftloch ging immer auf und zu. Irgendwann war der Tank endlich voll und wir konnten uns wo anders hinlegen. Der Hafenboss hatte uns zu einem Tanker beordert an dem wir Längsseits gehen sollten. Das ging problemlos, die Jungs hatten nichts dagegen und halfen beim Festmachen. Da das Schiff voll war ging es so tief dass wir gut liegen konnten und ohne große Schwierigkeiten noch einmal an Land kamen. Ich weiß nicht mehr warum, aber durch irgendetwas verzögerte sich unsere Abfahrt, so dass wir erst gegen 22 Uhr, nach dem Abendessen, ablegten.

Monopoli

Das Wetter war klar und der Wind günstig so das wir in der Nacht gut Südost machen konnten. An Steuerbord zogen in der sichtigen Nacht in ununterbrochener Folge die Lichter der Städte vorbei. Es fiel mir ohnehin auf, dass hier im Mittelmeer die Küste scheinbar sehr dicht besiedelt ist. Nach einiger Zeit kam von achtern sehr schnell ein Fahrzeug auf, das uns auch bald einholte. Mit vollem Scheinwerfer drehte es einige Runden um uns, es war die Guardia Zivil, genau dieses Schiff hatte vor wenigen Stunden hinter uns gelegen. Nach einem Augenblick war ihnen das wohl auch klar geworden und sie zogen weiter ohne uns zu behelligen. Das in dieser Gegend stark aufgepasst wird ist klar, denn man las ja immer in der Zeitung von illegalen Einwanderern auf schlimmen Seelenverkäufern. Am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang waren wir auf der Höhe von Bari. Hier landeten ja die Illegalen immer an.

Um diese frühe Zeit waren die Fischer sehr aktiv. Ab und zu kamen wir uns so nahe, dass wir ihnen ausweichen mussten. Die Stadt Bari zog sich unendlich lang hin, es dauerte Stunden bis die letzten Hochhäuser am Horizont verschwunden waren. Der Wind legte wieder langsam zu, das war ja in Ordnung nur das er damit auch wieder südlich drehte passte mir gar nicht. Gegen Mittag waren wir wieder bei Stärke sieben angekommen und er nahm noch zu. Zwei Stunden später, nach nasser Kreuzerei, stellten wir fest dass wir kaum in unsere Richtung vorangekommen waren und so beschlossen wir nach Manfredonia abzulaufen, denn es lag ganz in der Nähe. Etwa zwei Meilen zurück. Auf dem Weg dahin begegneten wir einer anderen aufkreuzenden Yacht. Die Jungs waren noch gut drauf, ein wenig ärgerte ich mich ja, aber wir wollte ja unsere Kräfte nicht schon hier verschleißen. Nach dem ich mich noch ein mal in Karte und Handbuch informiert hatte nahmen wir das Groß weg und eierten unter gereffter Genua vor dem Wind in den Hafen. An der Aussenmole  gingen die Brecher schon kräftig rüber, dies  hatte man von draußen gar nicht so bemerkt. Ein kräftiger Schlenker nach Backbord brachte uns in die Abdeckung der Altstadt, die auf einem Felsen lag und hier war ein herrlicher Hafen direkt zwischen den Häusern. Einige Fischer lagen an Moorings mit dem Heck an der Mole, aber an der Innenseite vor einem Frachter, der gerade beladen wurde, war noch Platz. Dort könnten wir gut liegen. Nach einigem hin und her nahm uns ein alter Fischer die Leine ab und wir lagen prima, noch einige Fender und alles war in Ordnung. Jedoch nicht lange, als wir gerade unser Anlegebier tranken kam jemand und verklickerte mir das wir hier nicht bleiben können, denn es kommen noch Fischer herein. Na ja, also ging ich erst einmal an Land auf die Suche nach einem anderen Liegeplatz. Am Ende landete ich bei Marine die wohl auch den Hafen verwaltete und hier weist man mir dann einen Platz zu. Mir standen die Haare zu Berge. Ich sollte vor eigenem Anker mit dem Heck an einer Fingerpier vor dem Büro liegen gehen. Auf der Pier arbeiteten Fischer an ihren Schleppnetzen. Nun, nach einer kurzen Besprechung schritten wir zur Tat. Anne ging zu Fuß zum Liegeplatz und sollte die Leine übernehmen. Unser Bayer an der Ankerwinsch und ich am Ruder.
Der erste Anlauf! Ich fuhr auf die Pier zu, drehte kurz vorher, lief etwa 20 Meter, gab dann voll zurück um rückwärts Fahrt ins Schiff zu bekommen und dann fiel der Anker. Er hielt wohl, aber der seitliche Wind war so stark das ich nicht an die Luvkante der Pier kam wo Anne stand und die Leine annehmen wollte. Mit einem gewaltigen Wurf gelang es mir jedoch die Leine hinüber zu werfen. Irgendeiner von den Fischern konnte sie festhalten und nun kam Anne, sie wollte ihm die Leine nicht lassen. Es kam fast zu einem Gerangel. Jedenfalls ging das ganze Manöver in die Hose. Also den Anker raus und das ganze noch einmal. Nun bekamen wir aber ein anderes, ein richtiges Problem, ich hatte schon vorher daran gedacht jedoch gehofft dass es nicht eintreten würde. Wir hatten den ganzen Mist der im Hafen seit Jahren auf Grund lag am Anker und bekamen diesen nicht wieder hoch! Irgendwelches schweres Netzzeug hing daran, mit dem Bootshaken versuchten wir das Netz los zu werden, fast hätte unser Bayer auch noch den Haken versenkt, aber er brach nur ab und irgendwie waren wir plötzlich frei! Nun schnell zurück an die Maschine und alles noch ein mal. Als ich nun den zweiten Anlauf nahm rief Anne mir zu das wir längsseits gehen könnten. Das war natürlich gut und so gingen schnell die Fender raus und ruckzuck lag das Schiff an der Pier. Als wir das Boot mit allen entsprechenden  Leinen vernünftig festgemacht hatten und uns noch einmal ein Bier gönnten kamen die Helden die wir vor Stunden getroffen hatten. Der Wind war inzwischen sehr grob geworden und sie waren wohl eine ganze Strecke zurück gesegelt. Das Anlegen gestaltete sich auch noch etwas schwierig, natürlich im Päckchen bei uns. Es waren Bayern auf dem Weg nach Griechenland über Brindisi. Jetzt hatten wir endlich Zeit uns in der Stadt umzuschauen. In der verschachtelten Altstadt sah es sehr romantisch aus.  Wohnen jedoch wollte ich in den engen Gassen nicht. Aber tolle Restaurants gab es hier und so blieb es nicht aus, das wir bald in urigem italienischen Ambiente speisten. Dennoch hatte die Sache, wie wohl alles, einen Haken: man durfte in diesem „Restaurante“ nicht rauchen. (2002) Alle, selbst der Wirt, standen auf der Strasse und qualmten! Der Wirt erzählte mir beim Rauchen, dass die Regierung ein neues Gesetz auf den Weg bringen wolle und viele Lokale bereits auf freiwilliger Basis sich daran hielten. Der Wirt sprach sehr gut deutsch und es stellte sich heraus dass er zwanzig Jahren in Frankfurt gelebt hatte.

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Die Seenotretter: DGzRS