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Abenteuerurlaub

Schwedenreise 2012, wir immer einhand im Folkeboot- Fortsetzung

 

Das Märchen vom Hasen und dem Igel

17. Juli: Alvö - Kallö, Nordwest 4, später West 7, Sonne Sonne Sonne

Solange die Bühne des erst noch zu entdeckenden Naturtheaters Alvö nicht existiert, wird das große Drama woanders aufgeführt: heute im Verlauf der 54 Meilen meiner Tagesetappe.

Erster Akt: sechs Uhr früh Leinen los, Segel hoch, das Groß bleibt gerefft, und Richtung offenes Wasser. Nordwest, das ist die Gelegenheit, mal eben die fünfzig Meilen nach Skagen zurückzulegen und für den Rückweg voll im Plan zu liegen. Der Wind ist nicht gerade umwerfend, und natürlich steht nach dem ganzen Gepuste der letzten gut dreißig Stunden noch die alte Welle. Halb so schlimm, sie ist gut ausgebildet, es geht hooooooch und ruuuuuuunter, aber bremsen tut das natürlich schon. Zwei Stunden fahre ich so Achterbahn, bevor ich dann auf Südkurs gehe, kommt über Funk der schwedische Wetterbericht.

Zweiter Akt: acht Uhr, Wetterbericht. Sturmwarnung für das Skagerak, ab Nachmittag strichweise vierzehn Meter pro Sekunde. Hui, das ist nicht der richtige Wind, um sich irgendwo da draußen zu tummeln. Gerefft mit dem bisschen Speed kann ich nicht darauf hoffen, vor dem Sturm im Hafen zu sein, aber ich kann ja jetzt auch nicht ausreffen und hoffen, dass mit "Nachmittag" der frühe Abend gemeint ist. Also Planänderung, dann geht es eben an der schwedischen Küste entlang. Ein bisschen Strecke will ich aber trotzdem schaffen, und da sind mir dreieinhalb Knoten eindeutig zu wenig. Vorm Wind bei einer mäßigen Brise gehört nicht zu den Stärken des Folkeboots, schon gar nicht, wenn es in der Dünung rollt wie Hulle. Ich atme also tief durch, beiße die Zähne zusammen und binde an dem wild tanzenden Baum das Reff aus. Der schwierigste Teil ist das Durchsetzen des Falls, ich kann mich ja nicht mal eben aufs Deck stellen, das schlingert wie in der Achterbahn, hockend-sitzend-liegend-an-den-Mast-gekauert zerre ich am Fall, bis ich auf die Weise nix mehr rausholen kann, dann belege ich es irgendwo und irgendwie, bevor ich fix und fertig auf die Ruderbank falle. Das Groß steht mäßig gut, Falten am Vorliek, aber das ist ja nun nicht zu ändern. Die Anstrengung muss enorm gewesen sein, ich bekomme eine Anflug von Seekrankheit, ein leichtes Grummeln im Magen, und ich bedaure, nicht vor der Aktion endlich gefrühstückt zu haben, die Brote lächeln mich verführerisch an, aber ich kriege vorerst keinen Bissen runter.

Dritter Akt: am späten Vormittag fädele ich mich bei Gullholmen ins belebte Innenfahrwasser ein. Mein Frühstück habe ich inzwischen runtergewürgt (und nicht wieder raufgewürgt, soooo seekrank war ich dann auch nicht...). Alles wie gehabt, man grüßt und fotografiert das Folkeboot, die Motoryachten nerven. Paula zieht in Luv an einer norwegischen Yacht vorbei, die ist zwar deutlich größer, aber segelt gemütlich nur mit Groß. Die Leute winken und zeigen den Daumen nach oben, ich glaub, die finden uns gut. Der Schiffsname fällt mir auf, an einer "Stampelampe" fährt man nicht jeden Tag vorbei, was immer das bedeutet. Ein paar Meilen weiter haben die beiden genug von ihrer Gemütlichkeit und setzen die Genua, "Stampelampe" überholt uns. Ich zucke mit den Schultern und breite die Arme aus, die beiden dort an Bord entgegnen mit der gleichen Geste. Wir lachen, dann sehe ich sie von hinten. Zwischen Hjärterösund und Marstrandfjord nehme ich eine Abkürzung, kurz danach überholt mich eine norwegische Yacht mit freundlich winkendem Ehepaar. "Stampelampe" lese ich am Heck.

Vierter Akt: Ich fahre direkt durch Marstrand, wieder so eine Abkürzung. Dort ist gerade genug Wind und die Hölle los, irgendein Regattagedöns. Das Fahrwasser nach Osten ist der Hammer, es ist so eng, dass ich mich mehrfach in der Karte überzeuge, dass es da auch wirklich weitergeht, Wind von hinten und gurgelnde Strömung spülen uns unaufhaltsam durch. Mist, denke ich noch, in der ganzen schönen Abdeckung hätte ich mal schön das Großfall endlich durchsetzen können, aber dann ist es dafür auch schon wieder zu spät. Sowieso ist jetzt alles zu spät: Ein Felsen noch, dann packt uns der versprochene Starkwind, wirft uns auf die Seite, verlangt uns alles ab. Bloß nicht die Pinne angucken, solange ich nicht sehe, wie sie sich biegt, kann mich das auch nicht nervös machen. Es dauert einige Minuten, das Groß so zu trimmen, dass ich Paula so einigermaßen auf Kurs halten kann, anstatt ständig in den Wind zu schießen. Ich bin schon klatschnass vom Spritzwasser, bevor ich das Ölzeug auch nur aus der Koje holen kann. Als ich es endlich anhabe, sind wir an der ersten möglichen Ankerbucht schon mit sechseinhalb Knoten vorbeigeschossen, ohne auch nur einen Blick reinzuwerfen. Es folgt eine Stunde ziemlich offenes Wasser, bis bei Björkö wieder Abdeckung und eine Auswahl Gasthäfen das Paradies auf Erden verheißen. Sonderschichten an der Lenzpumpe, jede Viertelstunde zwanzig Schläge, ansonsten: durchhalten und genießen - ich könnte umkehren, aber ich traue mir nicht zu, jetzt eine Wende zu fahren. Eine Meile vor der ersehnten Abdeckung überholen mich zwei Yachten, die sich schon die ganze Zeit abgemüht haben, an der wild galoppiereden Paula vorbeizukommen. Ich denke noch, wie spektakulär wir aus deren Perspektive aussehen müssen, wie wir hier auf der Backe liegen, bis zur Süllkante eingetaucht, auf der anderen hat man ungetrübten Blick auf das komplette Unterwasserschiff. Kurz nach den anderen erreiche ich das geschützte Fahrwasser, und jetzt ratet mal, was für einen Schiffsnamen ich da lese.

Letzter Akt: Kallö oder Knippla oder wieauchimmer heißt der Hafen, nichts ist mir jetzt egaler als das. Er ist voll, es gäbe noch ein, zwei Heckanker-Stegplätze, wo der Wind voll von der Seite reinhaut, das kann nicht gutgehen, und das enge innere Becken ist auch voll pustig und mir zu riskant. Ich mache etwas anderes, lasse meinen norwegischen Freunden, die den letzten Längsseitsliegeplatz im Lee des Hafenrestaurants ergattert haben, Zeit zum Festmachen, dann gehe ich längsseits. Sie erwarten mich schon, freudig winkend, und das Anlegemanöver gelingt vorzüglich, dabei hätte ich genug Ausreden, jetzt nicht mehr voll konzentriert zu sein. Dann drücken mir die beiden erstmal ein Bier in die Hand und schwärmen von dieser puren, echten Art zu segeln, ich komme richtig in Schwung, die unfassbaren guten Eigenschaften des Folkebootes an sich und meiner Paula im besonderen aufzuzählen. Nebenbei fange ich mal an aufzuklaren, halte meinem Nachbarn Tassen und ein Bratpfanne entgegen: "Guck mal, was ich gerade auf dem Fußboden gefunden habe." Dann frage ich: "Kennt ihr eigentlich diese Geschichte von dem Hasen und dem Igel?"

Nicht weit genug, Teil 1

18. Juli: Kallö (oder Knippla oder wasweißich) - Varberg (geplantes Ziel: Falkenberg oder Torekov), West 2-5, Sonne Sonne Sonne Sonne

Grimms Märchen wurden wohl auch ins Norwegische übersetzt. Es ist kaum genug Zeit, den aufregenden Tag sacken zu lassen. Morgens texte ich noch den einen oder anderen Dänen zu, ja, das tolle Folkeboot, und meins wurde ja im Limfjord gebaut, dannunddann von demunddem. Dann wird mir bewusst, dass ich mich ja auf dem Rückweg befinde und nicht gerade im Soll liege. Drei Tage mit nachmittäglichem Starkwind waren nicht gerade hilfreich, auch wenn jeder auf seine Art zu den Top 100 der einmaligen, unübertrefflichen Segeltage gehören.

Die letzten Meilen im Schärengarten machen nochmal richtig Laune, doch danach lässt mich der Wind im Stich, wieder einmal nervt die unvermeidliche alte Welle, es geht nicht voran. Falkenberg sollte es mindestens werden, und ihr ahnt es schon: am Ende lande ich wieder mal in Varberg. Zum ersten Mal denke ich darüber nach, die Arbeit anzurufen und meine Verspätung anzukündigen, aber ich kümmere ich lieber erstmal um Proviant und setze alle Hoffnung auf den Südost morgen Vormittag.

 

Nicht weit genug, Teil 2

19. Juli: Varberg - Anholt (geplantes Ziel: am liebsten Korshavn), anfangs bedeckt mit leichtem Regen, dann ein hartnäckiger Schauer mit Geprassel, morgens Südost 3-5, mittags Flaute aus Südwest

Die schöne Animationsseite des Dänischen Wetterdienstes verspricht, dass ich bis Anholt günstigen Wind habe, danach 3-4 gegenan - mit etwas Durchhaltevermögen ließe sich damit nach Grenå (!) kreuzen oder nach Süden abbiegen, Odden oder Sejerø. Letzten Endes reicht der Südost nur für fünfzehn Meilen, und der Südwest ist kaum der Rede wert, also wird gegen die Dünung an motort. Das macht alles nicht viel Laune.

Nix mit Grenå also, statt dessen Anholt, bisher war ich da nur im Frühjahr, und immer ging irgendwas kaputt. Als erstes bin ich positiv überrascht: der Schauer, der seit Stunden über der Insel und über Paula niederging, hat sich endlich verzogen, und es gibt trotz Hochsaison noch freie Plätze im Hafen. Aber ja, es ist eben Anholt, immer geht alles schief. Im Vorhafen nehme ich Gas weg, der Motor geht aus. Das tut er noch dreimal, während ich mich um Fender und Heckanker kümmere. Diesen Anker habe ich auf Koster das letzte Mal benutzt, und da musste es schnell gehen, darum habe ich die Ankerleine nicht durch ihr Auge gezogen, sondern einen Knoten gemacht. An diesem Knoten ziehe ich jetzt den Anker aus der Backskiste, er hält und ich kümmere mich nicht darum, habe keinen Grund an seiner Festigkeit zu zweifeln. Ah Mist, schon wieder ist der Motor aus, zum Glück steht da jemand auf der Pier und erwartet meine Vorleine. Bevor ich zum Bug gehe, um sie ihm zu geben, werfe ich mal eben den Anker über die Kante. Er klatscht ins Wasser - und im Augenwinkel sehe ich das Unfassbare: die Leine läuft nicht ab. Keinen Zentimeter, sie bleibt einfach auf dem Deck liegen und rührt sich nicht. "Alles gut" sagt mein Helfer auf dem Steg, aber ich widerspreche: "Nichts ist gut, ich hab grad meinen Anker weggeworfen."

Ich gehe erstmal längsseits bei den Nachbarn, bringe per Schlauchboot den anderen Anker aus und unternehme einen halbherzigen und sinnlosen Versuch, im trüben Hafenbecken das gute Stück wiederzufinden. Leute, wenn ihr nach Anholt kommt und gerne taucht - gleich am Anfang der Betonpier liegt ein wundervoller Anker auf Grund. Nein, ich möchte ihn auch nicht wiederhaben, ich kaufe mir einen neuen. Was den Motor betrifft, der erholte sich wieder, als ich ihn einen Moment gedrosselt im Standgas laufen ließ. Egal was los war, das Problem war nur ein vorübergehendes. Und dann sagt jemand fröhlich "Moin!" und ich erkenne die beiden von "Windspeel", die ich von Koster kenne.

 

 

Fortsetzung

 



Die Seenotretter: DGzRS