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Kiel – Oslo – Göteborg, (fast) einhand gesegelt

Segelbericht Seite 1

In Zeiten, wo Erdmann mit 60 Jahren einhand nonstop gegen die vorherrschenden Windrichtungen die Erde umsegelt, ist ein Einhandtörn über Oslo nach Göteborg wirklich keiner besonderen Erwähnung mehr wert. Gleichwohl stellt er im Leben der meisten Fahrtensegler einen kleinen Höhepunkt dar – auch wenn man fast 10 Jahre jünger als Erdmann ist.

Geplant war eigentlich eine ganz andere Reise, nämlich an die Küste Nordspaniens, wo ich mit meiner Frau zwei Wochen lang von La Coruna aus nach Osten bummeln wollte. Aber als kurz vor Fahrtantritt mein Mitsegler für die Hin- und Rückreise schwer erkrankte, entschloss ich mich mit meiner Hallberg Rassy 31 Algebra allein zu segeln. Denn meine Frau hatte ihre Spanienreise bereits gebucht. Mein Ziel sollte nun Oslo sein – Spanien traute ich mir alleine nicht zu – und mehr als 6 Wochen Zeit standen dafür zur Verfügung. Natürlich war ich schon mehrfach einhand gesegelt, doch wie würde ich mit den zu erwartenden Schwierigkeiten und der Einsamkeit auf einer längeren Reise zurechtkommen? Fragen, die ich mir (wie wohl wohl jeder Segler) schon oft gestellt hatte, hoffte ich bald selbst beantworten zu können.

Kiel, Sønderborg, Juelsminde, Ebeltoft – nach drei Tagen herrlichen sonnenreichen Segelns lagen bereits 147 sm im Kielwasser – besser konnte der Anfang nicht klappen. Über Grenå ging es weiter nach Anholt. Bisher hatte ich immer eine Möglichkeit gefunden, längsseits an einem größeren Schiff festzumachen, was sich auch einhand ohne Schwierigkeit bewerkstelligen lässt. In Anholt aber liegt man bekanntlich vor Heckanker, doch Rasmus war mir wohl gesonnen. Ich konnte den Anker fallen lassen und mit Wind von achtern langsam zum Steg laufen. Der Anker hielt auf Anhieb und kam auch nicht mit anderem Ankergeschirr unklar.

Wie schon so oft wurde ich auch dieses Mal auf Anholt zwei Tage lang eingeweht. West 8 drückte die Schiffe gegen den Steg. Zahlreiche Leinen wurden quer durch den Hafen gespannt, um die Anker zu entlasten. Keiner kam mehr raus.

Seekrank

Trotz guter Bücher und schönen Wetters schloss ich mich der ersten Gruppe, die den Hafen am dritten Tag verließ, an. Es wehte immer noch mit vollen 6 Bft von achtern, als ich die Bugleinen loswarf und mich mit Motorhilfe achteraus verholte. Alles klappte vorbildlich, ich war (da noch) stolz. Im Vorhafen legte ich das Schiff bei langsam achteraus laufender Maschine mit dem Heck in den Wind. So stabilisierte der Winddruck auf den Mast die Lage des Bootes und ich konnte das Schiff im Schutz des Hafens seeklar machen. Dieses Manöver praktizierte ich auch später immer wieder, um nicht bei Seegang an Deck arbeiten zu müssen.

Bei auflandigem Starkwind steht in der Hafeneinfahrt bekanntlich ein besonders heftiger Seegang. Beruhigend war für mich, dass die Maschine dennoch nicht bis an ihre Grenze belastet werden musste. Bald lief ich mit vollem Amwindkurs nordwärts. Es wehte mit 25  Knoten (W 6), in Böen wurden 38 kn (Bft 8) erreicht. Die See war gut ausgeprägt und überstieg 2 Meter – nach drei Tagen Westwind und einer ordentlichen Anlaufstrecke (Fetch). Doch sei es das falsche Frühstück oder der schlechte Schlaf, ich wurde seekrank. Laut Logbuch übergab ich mich fünf Mal, mir war verdammt schlecht. Das Boot lief unter Genua alleine, der Autopilot hielt sauber Kurs; wie sagt man doch immer die Schiffe sind zumeist stärker als die Besatzungen oder Hochmut kommt vor dem Fall und es ist gut, wenn einem auch die Grenzen aufgezeigt werden. Ich entschied mich nach verschiedenen Versuchen für die Leekoje im Salon, die ich konsequent alle drei Minuten verließ, um Ausguck zu gehen. Nach 7 Stunden ließ die Seekrankheit nach, ich war wieder klar im Kopf, aber mit völlig leerem Magen noch äußerst schwach. Insgesamt knapp 8,5 Stunden später stand ich vor Frederikshavn. 58 sm lagen hinter mir, und das Schiff hatte ohne mich eine Durchschnittsfahrt von fast 7 kn erreicht.

In Frederikshavn kam ein Schulfreund an Bord. Er war schon mehrfach mitgesegelt, aber nur als „Badegast“. Obgleich Sportlehrer ist er am Segeln völlig desinteressiert und so überraschte es mich auch nicht weiter, dass er später im Hafen ohne Leine an Land trat und Schiff und mich aufmerksam beobachtete. Ich wollte einhand segeln, wir beide wollten unsere Freundschaft mal wieder beleben und ungestört stundenlange Gespräche führen können. Um ihn an das Segeln zu gewöhnen und vor meinem „Schicksal“ zu bewahren, liefen wir am nächsten Tag nur 20 sm nach Skagen. Skagen ist natürlich immer eine Reise wert. Uns bescherte dort ein Hochdruckkeil gutes Wetter, aber leider nur leichtesten Wind aus Nord. Unser Hafennachbar kam bereits aus Oslo und erzählte, dass er dort in kurzer Hose herumgelaufen sei (was wir ihm einige Tage später übrigens hätten nachmachen können). Am dritten Mittag gewannen wir der Flaute ihre gute Seite ab, bunkerten Diesel und motorten ohne Gedanken an Seekrankheit in Richtung Norwegen. Am frühen Abend konnte ich mich sogar ein paar Stunden in die Koje legen, doch leider nicht schlafen, obwohl der Autopilot Kurs hielt und mein Freund Ausguck ging.

Fortsetzung: Kiel-Oslo-Göteborg (Rolf Dreyer), S. 2

 

 

 

 

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Die Seenotretter: DGzRS